COVID-19 und öffentliche Theater

Unsere Position zur Krisenbewältigung

Kommunikation ist heute wichtiger als je zuvor.

Eine in regelmäßigen Abständen geplante Kommunikation zwischen der Compagnieleitung und den Tänzer*innen kommt beiden Seiten zugute. Es ermöglicht zusätzliche Perspektiven und fördert den Austausch untereinander. Im Dialog mit Tänzer*innen unterschiedlicher Ensembles wurde deutlich, dass sich ein zweiseitiger Ansatz bewährt: Zum einen regelmäßiger Informations-fluss über interne Vorgänge per E-Mail, wobei Regelmäßigkeit dem Abwarten auf Ergebnisse vorgehen sollte; zum anderen die Möglichkeit zu regelmäßigen Feedbackgesprächen zwischen Leitung und Tänzer*innen.

So schnell wie möglich ein sicheres Arbeitsumfeld bieten.

Während Aufführungen abgesagt sowie Trainings- und Proberäume geschlossen sind, setzen die Tänzer*innen ihre Trainingsarbeit zuhause fort. Wir hoffen auf eine baldige Chance, in die Studios zurückzukehren, wo wir uns physisch und künstlerisch weiterentwickeln können.
Aufgrund des berufsspezifischen, engen Körperkontakts beim Tanzen benötigen wir Tänzer*innen ein umfassendes und strenges Hygieneprotokoll, um eine sichere Wiederaufnahme unserer Arbeit zu gewährleisten. Dies sollte in gemeinsamer Anstrengung aller deutschen Theater sowie in enger Zusammenarbeit mit TAMED und dem medizinischen Personal der jeweiligen Häuser ausgearbeitet werden.

Starke Richtlinien mit externer Hilfe und fundiertem Fachwissen.

Wir ermutigen unsere Ensemblechefs, externe Expert*innen einzubinden, um mittels zusätzlicher (interne sowie externe) Maßnahmen Verletzungen beim Wiedereinstieg in den normalen Spielbetrieb vorzubeugen. Der substantielle Ausfall regelmäßigen Tanztrainings und der Aufführungspraxis ist in der heutigen Zeit nie da gewesen. Das Trainieren zuhause auf oft extrem engem Raum kann tanzspezifisches Üben in angemessenen Räumlichkeiten nicht ersetzen.
Es braucht die Ausarbeitung integrativer und ergänzender Trainingsprogramme von medizinischen und sportwissenschaftlichen Expert*innen. Nur so kann Verletzungen vorgebeugt werden, die durch eine zu schnelle Wiederaufnahme des normalen Arbeitspensums vorprogrammiert würden. Wir fordern Trainer*innen, die uns die notwendige Hilfestellung geben, um die für eine Aufführungspraxis genügenden Fitness wiederzuerlangen.

Wir werden Zeit brauchen.

In der kommenden Spielzeit muss ausreichend Zeit eingeplant werden, damit die Tänzer*innen gesund ihr körperliches und mentalen Leistungsniveau wiedererlangen können, das ihnen der Vorstellungsbetrieb abverlangt. Die Dispositionen zum Wiedereinstieg in den Spielbetrieb müssen den langen Vorstellungsausfall und den verminderten Trainingsmodus berücksichtigen.

Resultierende Kosten für externe Expertise sowie für den Zeitaufwand des Wiedereinstiegs sind Teil der Krise.

Eine Diskussion dieser Positionen ist bereits jetzt notwendig, während aktuelle Budgets neu justiert werden. Für die vorgebrachten Maßnahmen zur Krisenbewältigung und Gesundheits-prävention braucht es die finanzielle Unterstützung der Intendant*innen und der kultur-politischen Verantwortlichen in ganz Deutschland.
Um Best-Practice-Richtlinien und Schulungsprogramme auszuarbeiten, muss vornehmlich Deutschlands führende tanzmedizinische Organisation Tamed angemessen finanziert werden. Jedes Theater sollte zudem die Mittel für Trainer*innen und Therapeut*innen bereitstellen, die die Programme während der Wiedereinstiegsphase umsetzen können.

Bewusstsein für die Vorteile sukzessiver Rehabilitation.

Die COVID-19-Beschränkungen brachten den positiven Nebeneffekt, dass uns Tänzer*innen nunmehr ausreichend Zeit für Selbst-Rehabilitation zur Verfügung stand. Eine Auswertung unseres Vorgehens sowie etwaiger Effekte ist erforderlich. Ein entschleunigter Trainingsturnus bietet Zeit und Möglichkeit, sich auf bewährte Trainings- oder Rehabilitationstechniken (Yoga, Pilates, Gyrotonic usw.) zu konzentrieren. Auch nach der Krise sollte das in unsere Arbeitszeit inkorporiert werden. Ausreichend veranschlagte Regenerationszeiten werden bessere Tänzer*innen und längere Karrieren mit sich bringen.

Trainingsaktivitäten zuhause müssen abgesteckt werden.

Außergewöhnliche Zeiten erfordern neue Regularien. Mit Blick auf die Unfallversicherung muss ein Programm mit variablen Trainingsaktivitäten für die Arbeit zuhause zusammen-gestellt und von Arbeitgeber*innen angewiesen werden. Es muss oberste Priorität haben, die Tänzer*innen für ihre Arbeit zuhause durch die Unfallversicherungen abzusichern. Kurzarbeit auf 0% schließt die Weisungsbefugnis des Arbeitgebers aus, kappt den Zugang zur Unfallversicherung für die Arbeitnehmer*innen und konterkariert somit unsere Bemühungen, weitestgehend in Form zu bleiben.